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Sind Kinder ihrer Natur nach schlecht?
von
Aletha Solter, Ph.D.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus Aletha Solters Buch, Wüten, toben, traurig sein (Kösel Verlag)

Für mehr Information zu diesem Thema, siehe Dr. Solters Bücher, Warum Babys weinen (Kösel Verlag und Deutscher Taschenbuch Verlag) Wüten, toben, traurig sein (Kösel Verlag), und Auch kleine Kinder haben grossen Kummer (Kösel Verlag).


Die Annahme, dass Menschen mit einem "bösen" Anteil auf die Welt kommen, bestimmt die Haltung der westlichen Zivilisation gegenüber Kindern. Die Vorstellung ist, dass Kinder mit inakzeptablen Impulsen und Neigungen geboren werden, die erst dann wieder verschwinden, wenn ihnen Selbstkontrolle beingebracht worden ist, durch die sie ihre innere Natur verleugnen müssen. Die Vertreter dieser Theorie sehen die Aufgabe der Eltern darin, die barbarische Natur der Kinder zu zivilisieren und zu zähmen.

Diese Theorie beinhaltet, dass Kinder normalerweise andere Menschen schlagen und beissen würden, nie die Toilette benutzen wollten, nie lernen würden, zu teilen, zu kooperieren oder anderen Menschen zu helfen, dass die lügen, stehlen und Eigentum zerstören würden, bis sie diszipliniert und ihnen die moralischen Werte und Gesellschaftsregeln beigebracht worden wären. Eltern werden bedrängt, ihre Kinder wegen "Fehlverhalten" zu bestrafen, so dass die Kinder sich schlecht und schuldig fühlen. Schuld wird als die grosse motivierende Kraft betrachtet, die hinter sozial akzeptiertem Verhalten steht. Erst dann geben die Kinder ihre garstige, unzivilisierte Art auf, weil sie ihre Eltern lieben, ihnen gefällig sein und von ihnen geliebt werden wollen.

Dieser Glaube hat mehr Schaden angerichtet als jede andere von Menschen erfundene Annahme. Er ist einer der Hauptgründe, warum die Welt im derzeitigen Zustand ist. Er rechtfertigt Gewalt, Zwang, Liebesentzug, Isolation, Bedrohung und Erniedrigung unter dem Mantel der "Disziplin". Er hat ganze Völker veranlasst, blind einigen Autoritätsfiguren zu gehorchen, und hat das klare Denken über die eigenen Handlungsweisen ausgeschaltet. Er hat Generationen von Erwachsenen hervorgebracht, die mit Schuldgefühlen, Angst und Scham belastet sind. Er ist Ursache dafür, dass die realen Bedürfnisse der Kinder nicht befriedigt werden, die hierdurch zu Erwachsenen werden, die verzweifelt und erfolglos versuchen, diese frühen Bedürfnisse zu erfüllen, indem sie jemanden suchen, der sie liebt, akzeptiert und versteht.

Wenn wir uns selbst von dieser zutiefst verinnerlichten Annahme befreien könnten, wenn wir einem Baby von Anfang an mit einer offenen und akzeptierenden Haltung begegnen könnten, könnten wir einen Einblick bekommen in das wirkliche menschliche Sein mit seinem enormen Potential für das Gute. Wir könnten ein uns innewohnendes Streben nach körperlichem, geistigem und emotionalem Wachstum erkennen, ein Verlangen, die Welt zu verstehen und Liebe zu geben und zu nehmen. Wir sähen das Bestreben, mit anderen Menschen zu kooperieren, neue Fähigkeiten zu erlernen und Wissen zu erlangen. Wir könnten die Möglichkeit erkennen, wie wir die höheren Ebenen des menschlichen Daseins erreichen könnten.

Wenn wir in der Lage wären, die Bedürfnisse des Säuglings nach Liebe, Verständnis, Anregung, Nähe und Nahrung zu erfüllen, und wenn wir ihm mit äusserstem Respekt und Vertrauen begegnen könnten, so könnten wir einen Heranwachsenden beobachten, der night etwa zu einem zerstörerischen, selbstbezogenen Ungeheuer wird, sondern zu einem gedankenvollen, intelligenten, kooperativen und liebevollen Erwachsenen.

Wenn Erwachsene dazu neigen, zerstörerisch und gewalttätig zu handeln, so können wir davon ausgehen, dass sie als Kinder misshandelt wurden. Menschen handeln nur dann böse, dumm oder verletzend, wenn sie selbst ein verletzendes Verhalten von anderen erfahren haben oder wenn ihre Bedürfnisse als Kind nicht befriedigt wurden. Bei Kriminellen wurden wiederholt ernste und frühe Misshandlungen aufgedeckt, die in einer Umgebung ohne Verständnis für ihre Gefühle und Bedürfnisse herangewachsen waren.

Copyright © 1989 by Aletha Solter. This page last updated on April 15, 2009

Für die deutsche Übersetzung: Copyright © 1994 by Kösel Verlag

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