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Anmerkung: Der Ratschlag in diesem Artikel sollte nicht als Ersatz
für eine medizinische Meinung und Behandlung gesehen werden. Wenn Krankheit oder
physischer Schmerz verdächtig sind, immer den Arzt aufsuchen.
Für mehr Information zu diesem Thema, siehe Dr. Solters Bücher, Warum Babys weinen (Kösel Verlag und Deutscher Taschenbuch Verlag) Wüten, toben, traurig sein (Kösel Verlag), und Auch kleine Kinder haben grossen Kummer (Kösel Verlag).
Es gibt zwei Gründe, warum Babys weinen. Ein Grund ist, ein Bedürfnis oder
Unbehagen mitzuteilen. Vielleicht sind sie hungrig, gelangweilt, ihnen ist kalt, oder sie
wollen einfach nur gehalten werden. Manchmal ist es schwer herauszufinden, was sie brauchen.
Die Aufgabe der Eltern und Betreuer ist es zu versuchen, die Bedürfnisse des Babys so
schnell und sorgfältig wie möglich zu erfüllen. Babys können nicht
"verwöhnt" werden. Es ist unmöglich, ihnen zu viel Liebe,
Aufmerksamkeit und körperlichen Kontakt zu geben.
Der zweite Grund des Weinens im Säuglingsalter wird viel weniger verstanden. Viele
Babys weinen, obwohl alle Grundbedürfnisse erfüllt wurden und sogar
während sie gehalten werden. Diese Art des Weinens, welches im Alter von sechs Wochen
am intensivsten vorkommt, wird als "Kolik" oder "gereiztes Weinen"
bezeichnet. Es kann einige Stunden am Tag dauern. Die üblichen Erklärungen
für dieses Weinen haben sich auf mögliche körperliche Probleme wie
Blähungen oder Verdauungsstörungen konzentriert. Jedoch haben Untersuchungen
gezeigt, dass Babys mit "Kolik" meist eine normale Verdauung haben und sich
gewöhnlich bester Gesundheit erfreuen. Daher ist es notwendig, die möglichen
emotionale Gründe des Weinens zu berücksichtigen.
Säuglinge sind extrem verwundbar, und sie haben sehr grossen emotionalen Schmerz, der
sich aus einer Ansammlung von stressigen Erlebnissen ergibt. Schmerz kann durch eine
traumatische Geburt oder Schwierigkeiten nach der Geburt verursacht werden. Babys erfahren
Verwirrung, während sie versuchen, die Welt zu verstehen, und sie sind schnell
eingeschüchtert und überreizt. Ausserdem fühlen sie sich frustriert, wenn sie
versuchen, sich mitzuteilen und neue Fertigkeiten zu erlernen. All dies hat den emotionalen
Schmerz, der im Körper gesammelt wird, zur Folge.
Glücklicherweise werden Babys mit einem Reparaturwerkzeug ausgestattet und
können die Stressauswirkungen durch den natürlichen Heilmechanismus des
Weinens überwältigen. Die Forschung hat gezeigt, dass Leute jeder Altersgruppe
aus dem Weinen Nutzen ziehen und dass Tränen helfen bei Stress, das chemische
Gleichgewicht des Körpers wiederherzustellen. Ein Säugling, der einige Tage in
einem Inkubator ohne menschlichen Kontakt isoliert wurde, muss mehrere Monate lang viele
Stunden weinen und wüten, um sich vom emotionalen Schmerz, der durch ein so
schreckliches und verwirrendes Erlebnis verursacht wurde, zu befreien. Wenn ein drei Monate
alter Säugling bei einem Familientreffen unter vielen unbekannten Leuten herumgereicht
wurde, kann dies zur Folge haben, dass er nachher sehr lange weinen muss. Ein sechs Monate
alter Säugling, der den ganzen Tag versucht hat, vorwärts zu kriechen, und es doch
nur rückwärts schaffte, braucht wahrscheinlich am Ende des Tages, um seine
Frustrationen abzubauen, das Weinen und Wüten, bevor er friedlich in den Schlaf sinken
kann. Bei diesen Beispielen ist das Weinen keine Verletzung; sondern es ist der Prozess
der Heilung.
Was können Eltern tun? Zuerst ist es wichtig zu überprüfen, ob
unmittelbare Bedürfnisse und Unbehagen wie zum Beispiel Hunger oder Kälte
vorliegen. Aber wenn das Baby, nachdem du seine Grundbedürfnisse erfüllt hast,
noch immer unruhig ist, ist es angemessen, das Baby einfach liebevoll zu halten und ihm das
Weiterweinen zu erlauben. Babys brauchen Nähe und Aufmerksamkeit, wenn sie weinen.
Ein Baby sollte nie beim Weinen alleingelassen werden. Selbst wenn du dich beim
Halten deines weinenden Babys nutzlos fühlst, versorgst du in Wirklichkeit dein Baby mit
der nötigen emotionalen Unterstützung, während es sich auf diesem Weg von
seinem Stress entlastet. Dein Baby lehnt dich nicht ab, wenn es weint. Es fühlt sich
vielmehr sicher genug, dir seine Gefühle zu zeigen, genauso wie wenn du in Tränen
ausbrichst, wenn ein vertrauter Freund seinen Arm um dich legt und du zugibst, dass du einen
schweren Tag hattest. Eltern, die ihre Babys halten und ihnen erlauben, sich auf diesem Weg
auszudrücken, bemerken gewöhnlich, dass ihre Babys nach dem Weinanfall
entspannt und zufrieden sind und in der Nacht besser schlafen.
Warum ist es so schwierig, ein weinendes Baby zu halten und das Weinen zu akzeptieren?
Vielleicht weil nur wenige Menschen nach Bedarf weinen durften, als sie klein waren. Deine
Eltern haben vielleicht versucht, dich vom Weinen abzuhalten, als du ein Baby warst. Vielleicht
gaben sie dir einen Schnuller oder fütterten, schaukelten dich oder haben dich jedesmal,
wenn du weintest, gewiegt, in der Annahme, dass du diese Ablenkungen in diesem Moment
brauchtest. Vielleicht versuchten sie, dich mit Spielzeug, Musik oder Spielen abzulenken,
obwohl du eigentlich nur ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und Liebe gebraucht hättest,
damit du dein Weinen fortsetzen konntest. Sie haben vielleicht vom Doktor Beruhigungsmittel
verlangt, um dich zu besänftigen, oder sie haben dich beim Weinen alleingelassen, weil sie
dachten, dass sie jetzt nichts für dich tun könnten. Vielleicht haben sie dich sogar
geschlagen oder angeschrien vor lauter Frustration und Verzweiflung. Als du älter
wurdest, hast du vielleicht mehr Ablenkungen oder Strafe von deinen Eltern oder Lehrern
erfahren, weil sie sich ärgerten über deine Versuche, dich von deinen
Gefühlen durch das Weinen zu entlasten.
Deine Eltern dürfen nicht getadelt werden, denn sie hatten einfach keine Information
über die Wichtigkeit des Weinens. Jedoch wegen der Prägung in deiner Kindheit
findest du es vielleicht schwer, die Notwendigkeit des Weinens bei deinen eigenen Kindern zu
erkennen. Du fühlst dich vielleicht unbewusst gedrängt, deine Kinder auf dem
gleichen Weg wie deine Eltern vom Weinen abzuhalten. Es braucht Zeit, um ein Leben der
Einprägung rückgängig zu machen. Vielleicht solltest du deinen eigenen
Tränen einmal freien Lauf lassen. Das wäre mein Rat. Wenn du jemanden findest,
der dir zuhört, um so besser. Du wirst dich nachher viel besser fühlen, und du wirst
das Weinen deines Babys vielleicht ein bisschen akzeptabler finden. Wenn du fühlst, dass
du frustriert und erschöpft wirst, weil dein Baby viel weint, verdienst du jede Hilfe und
Unterstützung, die du finden kannst.
Copyright © 1996 by Aletha Solter
Andere Artikel auf Deutsch:
Grundregeln des Bewusst-Elternseins
This page was created on January 28, 1999 and updated on February 26, 2003.
Ein weinendes Baby veranlasst viele Eltern zu grosser Beunruhigung. Wenn dein Baby weint und
du nicht weisst warum, können Gefühle der Angst, Hilflosigkeit, Frustration,
Unfähigkeit und sogar Zorn und Feindseligkeit aufkommen. Es gibt viele
Ratschläge über weinende Babys, aber die meisten von ihnen vernachlässigen
es, die wirklichen Gründe für das Weinen zu erklären, und sie bieten
Vorschläge an, welche der emotionalen Entwicklung deines Babys schaden.
Sind Kinder ihrer Natur nach schlecht?
Der Umgang mit Gewalt
The
Aware Parenting Institute
